Jan Pfaff    Journalist

     
 













Dorf des Schweigens


Bei einem Fest in Pretzien, Sachsen-Anhalt, wurde das »Tagebuch der Anne Frank« verbrannt. Sieben Männer stehen nun vor Gericht


DIE ZEIT, 01.03.2007







Pretzien gilt als Vorzeigedorf. Die Häuser sind mit hellen, freundlichen Farben getüncht, die Gehwege sauber gefegt. Viele junge Familien sind in den vergangenen Jahren in den Ort gezogen, er hat 970 Einwohner. Es lebt sich schön im Elbtal, 20 Kilometer südöstlich von Magdeburg –, wäre da nicht diese hässliche Sache, die letzten Sommer geschah. Seitdem ist Pretzien ein Dorf, in dem viele Menschen nicht mehr miteinander reden.

Am 24. Juni 2006 hatte der »Heimat Bund Ostelbien« die Dorfbewohner zu einer Sonnwendfeier eingeladen, auf die Wiese hinter dem Gemeindehaus. Dass die kräftigen, jungen Männer mit den bekanntermaßen rechtsradikalen Ansichten die Organisation des Fests übernahmen, daran hatte man sich seit Jahren gewöhnt. Es störte offenbar kaum einen. Hatten »die Jungs«, wie man sie im Dorf nennt, nicht schon mehrere Feste veranstaltet, ohne einen einzigen Gast mit ihren politischen Überzeugungen zu belästigen?

Etwa 80 Bürger waren gekommen, standen um das Feuer herum, redeten. Doch dann rief einer der jungen Männer laut: »Wer etwas Artfremdes dem Feuer zu übergeben hat, der soll das jetzt tun.« Eine US-Flagge flog in die Flammen, kurz darauf das Tagebuch der Anne Frank . Dass die Feier nach wenigen Minuten abgebrochen wurde, dafür sorgte eine Frau, die selbst beim Heimat Bund Mitglied war. Eine Zeit lang galt sie in Pretzien als Heldin. Heute äußert sie sich nicht mehr zu dem Vorfall.

Selbst Zeitungen in Israel berichteten über den Skandal

Ein paar Tage später erstatte jemand anonym Anzeige. Ein Aufschrei ging durch die Republik, selbst amerikanische und israelische Zeitungen berichteten über die Verbrennung des Buchs. Viele fanden nicht nur die Tat schockierend, sondern auch den Umstand, dass unbescholtene Bürger zugesehen hatten, ohne zu protestieren. Fortan galt Pretzien als braunes Dorf. Die unrühmliche Geschichte hat nun ein Nachspiel: Am Montag begann in Magdeburg der Prozess gegen sieben Angeklagte im Alter zwischen 24 und 29 Jahren. Bis auf einen stammen alle aus Pretzien. Der Staatsanwalt wirft ihnen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vor. Wie erwarten die Bürger von Pretzien diesen Prozess, der wieder Aufmerksamkeit auf das kleine Dorf lenkt?

Friedrich Harwig sieht müde aus. Er ist der Bürgermeister, sein Telefon klingelt ständig. Zum Prozessauftakt sind die Medien ins Dorf zurückgekehrt. Harwig ist ein kleiner Mann mit Schnauzbart, 66 Jahre alt. 25 Jahre lang war er Offizier der Nationalen Volksarmee, 1994 wählten ihn die Pretziener das erste Mal zum Bürgermeister. Zuletzt bestätigten sie ihn ohne eine einzige Gegenstimme.

Zum Gespräch bittet er in einen schlichten Raum des Gemeindehauses, nebenan hat eine Gruppe Frauen Gymnastikstunde. Harwigs Hände wischen nervös über den Tisch. »Pretzien ist so schön«, sagt er. »Umso schlimmer, dass jetzt alles von außen kaputt gemacht wird.« Sicher, die Buchverbrennung sei eine »schreckliche Sache« gewesen. Aber die Berichterstattung der Medien sei auch schlimm. Halbwahrheiten würden verbreitet, die im Dorf nur für neuen Streit sorgten.

Harwig sagt, er mache sich immer noch Vorwürfe, dass er damals nicht rechtzeitig eingeschritten sei. Auch er stand neben dem Feuer. Es fällt ihm schwer, sein Verhalten zu erklären. »In manchen Situationen ist man einfach gelähmt durch das, was passiert.« In Gedanken spiele er die Szene immer wieder durch, sagt er, sehe vor sich die Hand, die das Buch hält. »Und ich weiß, das ist der Moment, in dem ich Halt sagen müsste.«

Die Linkspartei forderte ihn kurz danach zum Austritt auf. Harwig ist der Aufforderung gefolgt – nach 50 Jahren Mitgliedschaft in SED, PDS und Linkspartei. »Aber nicht wegen der Sonnwendfeier, sondern weil man so schäbig mit mir umgegangen ist. Niemand aus der Partei hat persönlich mit mir gesprochen.« Harwig macht einen überforderten Eindruck. Er sieht nicht, was das Problem ist. Was er mit angerichtet hat.

Offenbar wusste jeder im Ort, wie es um die Gesinnung der jungen Männer stand. In den neunziger Jahren fanden hier Skinheadtreffen statt, finstere Gestalten reisten an. Harwig versuchte, die Rechtsradikalen ins Dorfleben zu integrieren. Er sagt, er habe mit ihnen gesprochen und dafür gesorgt, dass die Skinheadtreffen nicht länger stattfanden. Er habe gesagt, dass er die Treffen nicht gut fände, dass sie dem Dorf schadeten. »Sie haben auf mich gehört.«

Später seien die Jungs dann zu ihm gekommen. Sie fragten, ob sie nicht etwas für Pretzien tun könnten, etwa die Dorfchronik überarbeiten. Er willigte ein. So verwandelte sich eine vom Verfassungsschutz beobachtete Skinhead-Kameradschaft zum gemeinnützigen Heimat Bund Ostelbien, düstere Stahlhelm-Symbolik wurde durch ein freundliches Logo mit Baum und Bach ersetzt. Die Männer packten beim Elbhochwasser 2002 mit an. Bis zur völligen Erschöpfung schleppten sie Sandsäcke. Im Dorf hat ihnen das viel Anerkennung gebracht. Dass sie dabei T-Shirts mit der Fraktur-Aufschrift »Wehrmacht Pretzien« trugen, habe ihn nicht gestört, sagt der Bürgermeister. Sein Vater sei schließlich auch in der Wehrmacht gewesen. Nach der Buchverbrennung hat sich der Heimat Bund Ostelbien aufgelöst. Ehemalige Mitglieder planten eine Neugründung unter anderem Namen, heißt es.

Harwig sagt, er werde die Jungs auch bei der nächsten Flut sicher nicht wegschicken. »Wenn ein Mensch mit diesen Ansichten nicht aggressiv auftritt und nicht versucht, andere zu agitieren – dann haben wir doch schon etwas erreicht.« Einer der Angeklagten singt in dem Männerchor, den Harwig leitet. Dort werde über die Buchverbrennung nicht gesprochen, sagt der Bürgermeister. Ein Chor sei zum Singen da, nicht zum Politisieren.

Fragt man andere Leute im Dorf nach den Tätern, bekommt man einsilbige, abweisende Antworten. Die Verkäuferin eines kleinen Ladens sagt, was ihre Gäste redeten, sei deren Sache. Auch die Jugendlichen auf dem Dorfplatz sind abweisend. Es gebe hier schließlich einen gewissen Zusammenhalt. Und eine alte Frau meint, man solle die Sache endlich auf sich beruhen lassen. Nur der neue Pfarrer lasse einfach keine Ruhe. Vor der Dorfkirche sind zwei Lampenpfeiler umgeknickt. Es sieht nicht so aus, als hätte der Sturm sie abgebrochen.

Im Pfarrbüro von Andreas Holtz steht neben einem überladenen Schreibtisch eine elektrische Gitarre. Seit 2004 ist Holtz Pfarrer von Pretzien, sechs weitere Gemeinden hat er noch zu betreuen. Er wohnt im Nachbarort Gommern, deshalb gilt er bei vielen Pretzienern als Unruhestifter von außen. »Schweigen wäre das Gefährlichste, was wir im Moment tun könnten«, sagt Holtz, er ist 44 Jahre alt. Dann spricht er davon, wie enttäuscht er war, von der Buchverbrennung erst aus der Zeitung erfahren zu müssen. Niemand habe ihn informiert. Der Pfarrer hat die Bürgerversammlung geleitet, die zehn Tage nach dem Feuer stattfand. »Manche von uns hätten wissen müssen, dass hier eines Tages so etwas passiert«, sagte er dort. Gemeint war damit auch Bürgermeister Harwig.

Die Integrationsideen des Bürgermeisters hält Holtz für falsch, es gebe keine inhaltliche Auseinandersetzung. Er wünscht sich scharfe Abgrenzung von den Rechten. Nützlich wäre auch ein hartes Urteil des Gerichts. »Sonst behaupten hinterher viele: War doch alles gar nicht so schlimm.« Dass in Pretzien alles so weitergeht wie bisher, ist seine größte Sorge. Er befürchtet, dass die Rechten sich immer mehr Einfluss sichern und die Bürger sie gewähren lassen, um den Dorffrieden zu wahren.

Im Dorf halten sie die jungen Männer für »sympathisch«

Außer dem Bürgermeister und dem Pfarrer äußert sich in Pretzien niemand offen. Ein Bürger, der trotzdem reden will, tut das nur, wenn er seinen Namen nicht in der Zeitung sieht. Er hat Angst, seine Kinder könnten Ärger bekommen. Auf dem Esstisch stehen Kaffee und Apfelkuchen. »Die Nazis haben das schöne Dorf kaputt gemacht«, sagt er. In Gedanken geht er die Angeklagten durch. Man kennt sich hier, weiß, wer in welchem Haus wohnt, wer mit wem verwandt ist. »Sympathische junge Männer, jeder für sich genommen«, sagt er. Keiner aus der Gruppe sei arbeitslos, auch an ihrer Kleidung könne man ihre Gesinnung nicht erkennen. Er will den Rechten nicht noch mehr Raum überlassen. Bloß: Sie völlig auszugrenzen ginge auch nicht. Es sind Kinder des Dorfes. Ihre Eltern kenne man ewig. »Irgendwie müssen wir alle miteinander weiterleben. Wir sitzen halt verdammt nah aufeinander.«

Landgericht Magdeburg, Saal 5, am frühen Montagmorgen. Vor der Sicherheitsschleuse am Saaleingang drängeln sich Dutzende von Journalisten. Die Kameras der Fernsehteams schwenken herum, als die Angeklagten eintreffen. Sieben junge Männer – unauffällig gekleidet in Jeans, Pullover und Turnschuhen – schieben sich einer nach dem anderen durch das Spalier, dass die Presseleute bilden. Einige der Angeklagten schirmen ihr Gesicht mit Plastikmappen ab.

Lars K., 25, trägt eine Sonnenbrille. Über Mund und Nase hat er einen breiten, weißen Schal gezogen. Seine Vermummung legt er erst ab, als der Richter die Verhandlung eröffnet, die Kameras aus dem Saal müssen. Er hat ein glattes, jugendliches Gesicht, die kurzen dunkelblonden Haare sind mit viel Gel glatt gekämmt. Nach der Verlesung der Anklage lässt er von seinem Anwalt eine Erklärung abgeben. Er gibt zu, das Tagebuch der Anne Frank verbrannt zu haben. Nur habe er die Sache mit dem Sonnwendfeuer falsch verstanden. Er dachte, das Feuer diene der Vergebung der Sünden, und er wollte sich so symbolisch von der deutschen NS-Vergangenheit lossagen. Geraune auf den Zuschauerrängen.

Eine kleine Welt, in der alle eng beieinander wohnen

Nur wenige Pretziener sind an diesem ersten Prozesstag dabei. In einer Reihe sitzen drei junge Mädchen, solariumbraun, Freundinnen der Pretziener Jungs. Auch Pfarrer Holtz ist da, er trägt einen schwarzen Anzug mit einem pinkfarbenen Sticker. »Hinschauen« steht drauf. Holtz schüttelt ungläubig den Kopf, als er Lars K.s Antwort hört. Er habe spontan gehandelt, sagt der Angeklagte. Von einer geplanten Aktion könne keine Rede sein. Seine Freunde, die Mitangeklagten, hätten davon nichts gewusst. Er habe noch nie von den Bücherverbrennungen der Nazis gehört. Der Richter blickt ungläubig zur Decke, der Staatsanwalt macht sich eine Aktennotiz.

Dann wird der Prozess vertagt. In zwei Tagen soll er fortgesetzt werden. Als Zeugen vernommen werden sollen Bürgermeister Harwig, außerdem ehemalige Mitglieder des Heimat Bunds und andere Gäste der Sonnwendfeier. Die Freundinnen der Angeklagten warten auf diese vor dem Saal. Sie fahren zurück nach Pretzien. In das schöne Dorf, in diese kleine Welt, in der alle so eng beieinanderwohnen.

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