Die Stimmung in Saal 145a des Berliner Kammergerichts ist entspannt. Die Angeklagte Adrienne G. plaudert vor Prozessbeginn mit ihrer Anwältin, von den Zuschauerrängen winkt ihr ein grauhaariger Mann in Jeansjacke zu, sie grüßt zurück. Wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung »Rote Zora« und zwei versuchten Bombenanschlägen steht die 58-Jährige vor Gericht. Es ist wohl einer der letzten Prozesse zum deutschen Linksterrorismus der siebziger und achtziger Jahre.

Die Rote Zora verstand sich als feministische Terrorgruppe. Zwischen 1977 und 1995 war sie für mindestens 45 Brand- und Sprengstoffanschläge verantwortlich, ihre Ziele waren Sexshops, Genforschungslabore und internationale Konzerne. Menschen wurden damals nicht verletzt.

In einer vorbereiteten Erklärung gesteht Adrienne G., von Herbst 1986 bis Mitte 1987 Mitglied der Roten Zora gewesen zu sein. Auch habe sie Wecker für Zeitzünderbomben gekauft, mit denen im Oktober 1986 das Gentechnische Institut in Berlin und im Juni 1987 das Verwaltungsgebäude eines Bekleidungskonzerns bei Aschaffenburg zerstört werden sollten. In Berlin entdeckte ein Wachmann die Bombe rechtzeitig, das zweite Mal verhinderte starker Regen die Zündung.

Um der folgenden Großfahndung zu entgehen, tauchte Adrienne G. damals unter. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Thomas K., einem Mitglied der Terrorgruppe »Revolutionäre Zellen«, lebte sie anschließend 19 Jahre im Untergrund. Es sei ihnen nicht schlecht gegangen, lässt sie von ihrer Anwältin erklären. Sie hätten von Gelegenheitsjobs gelebt und seien mit gefälschten Papieren gereist. Wo sie wohnten, wer ihnen geholfen hat, dazu möchte sie nichts sagen und Richter und Staatsanwälte fragen nicht nach. Bevor sich Adrienne G. und ihr Lebensgefährte im Dezember 2006 stellten, ließ sie ihre Anwältin einen Deal aushandeln: zwei Jahre Haft auf Bewährung gegen ein glaubhaftes Geständnis.

Deshalb gibt es im Berliner Kammergericht nicht viel zu verhandeln, nach einer Stunde ist der erste Prozesstag beendet. Vor dem Gerichtssaal steht eine Gruppe Zuschauer noch einen Weile zusammen. Es sind in die Jahre gekommene Sympathisanten der linken Terrorszene, Frauen und Männer um die sechzig. Die meisten tragen Windjacken und Jeans, sie tauschen Telefonnummern und alte Erinnerungen aus. Es geht ein freudiges Hallo durch den Flur. Händeschütteln, Schulterklopfen.

»Schön, dich zu sehen!« » Treffen wir uns auch mal wieder?«. Die Atmosphäre erinnert an ein Klassentreffen.

Die Sympathisanten von einst haben sich im Kapitalismus eingerichtet

Mit der Presse möchte niemand von ihnen sprechen, jedenfalls nicht darüber, warum in ihren Kreisen Bombenlegen vor zwanzig Jahren als legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung galt. Schließlich erklärt sich eine Frau doch zu einem Gespräch bereit. Als Treffpunkt schlägt sie ein schickes Straßencafé in Berlin-Tiergarten vor. Sie ist 53 Jahre alt, trägt eine große Sonnenbrille. Lange, weiße Haare fallen ihr über die Schulter. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Sie hat längst eine eigene Werbeagentur, sie fürchtet, ihre Vergangenheit könnte vielleicht Kunden abschrecken. Sie hat sich den Zwängen des Kapitalismus ergeben, wenn man so will.

»Den Prozess beobachte ich aus einer gewissen Sentimentalität heraus«, sagt sie. Es würden Erinnerungen wach an ihre alten Ideale, an ihre Arbeit für die »Rote Hilfe«. Seit Anfang der siebziger Jahre arbeitete sie in Köln für die Organisation, die sich um Häftlinge aus der linksextremen Szene kümmerte. Sie begleitete Prozesse, organisierte Demos und Informationsveranstaltungen, besuchte Gefangene. Man wollte den eigenen Leuten während der Haft Kontakte nach außen erhalten. » Wir waren damals eine breite gesellschaftliche Bewegung und Gewalt war ein Mittel unter anderen, um unsere Ziele zu verfolgen«, sagt sie.

»Wir dachten, wir können wirklich etwas verändern.« Im Rückblick sei das nur schwer zu verstehen, aber die Akzeptanz militanter Aktionen wie etwa der Anschläge der Roten Zora, bei denen keine Menschen gefährdet werden sollten, habe bis in katholische Frauengruppen hineingereicht: »Gewalt gegen Sachen war etwas ganz Selbstverständliches.«

Den Weg der RAF habe sie dennoch abgelehnt, sagt sie. Nicht nur von den politischen Ansichten, auch vom Lebensgefühl unterschied man sich.

»Wir waren Hippies, tranken und kifften, während die RAF-Leute sich als geradlinige, asketische Kämpfer verstanden.« Besucht hat sie die RAF-Häftlinge trotzdem. Und die wiederum haben genauso wie die anderen Gefangenen Päckchen bekommen: Viermal im Jahr schickte die Rote Hilfe Pakete mit Kaffee, Keksen, haltbarer Wurst. Nicht alle Helfer beließen es allerdings dabei, der Großteil der zweiten RAF-Generation entstammte der Roten Hilfe. Zwischen 1970 und 1990 wurden knapp 100 Mitglieder der Organisation wegen Unterstützung der RAF verurteilt.

Eine Bombe vor einem Gentechniklabor abzulegen finde sie im Prinzip auch heute noch legitim, sagt die weißhaarige Frau. Allerdings fehle das Umfeld, in das eine solche Aktion eingebettet sein müsste. » Es ging nie um Gewalt an sich, sondern immer um den politischen Kontext.« Darauf besteht sie. Heute gebe es keine breite linke Bewegung mehr, deshalb sei Gewalt auch völlig sinnlos. »Wir haben verloren«, sagt sie, »das müssen wir uns einfach eingestehen.«

1991 hat sie bei der Roten Hilfe aufgehört, Privates und Beruf waren wichtiger. Und natürlich, räumt sie nun ein, sei sie mit ihrer Werbeagentur jetzt tatsächlich in die »kapitalistischen Strukturen eingebunden«.

Man will bald mal telefonieren, über die alten Zeiten reden

Die abgesprochene Bewährungsstrafe für Adrienne G. findet sie deshalb aber nicht etwa milde. Es entspreche dem juristisch Üblichen, betont sie. » Bei den Anschlägen ist doch nichts passiert. Und jeder einfache Bankräuber bekommt weniger, wenn er ein Geständnis ablegt.« Die linken Kämpfer von einst fordern Gerechtigkeit wenn nicht gar Verständnis von jenem Rechtsstaat, dessen Gesetze sie früher nicht gelten lassen wollten.

In seiner Vertretung am Berliner Kammergericht hält sich dieser Staat an die Absprache. Bei der Urteilsverkündung am Montag geht alles ganz schnell. Staatsanwaltschaft und Verteidigung plädieren einmütig für die vereinbarte Strafe, das Gericht schließt sich an: zwei Jahre auf Bewährung. Von ihren Freunden verabschiedet sich Adrienne G. vor dem Gerichtsgebäude. Sie umarmen sich und versprechen, bald mal miteinander zu telefonieren. Auch ein Wiedersehen im Gerichtssaal wird es wohl geben: Der Prozess gegen den Lebensgefährten von Adrienne G. wegen Mitgliedschaft bei den Revolutionären Zellen steht noch aus.

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